Ökonomie und Medizin

Thesen des Klinischen Ethikkomitees Klinikum Augsburg
Stand 07/2016

Präambel

Unser Handeln zum Wohle der Patientinnen und Patienten richtet sich nach vier Prinzipien der Medizin-Ethik1: Autonomie, Nicht-Schaden, Fürsorge und Gerechtigkeit. Vor allem das letztgenannte Prinzip – besonders in Form von Verteilungsgerechtigkeit – gerät im Alltag oft mit den anderen drei Prinzipien in Konflikt. Die Ressourcen jeder Gesellschaft sind begrenzt und müssen zum bestmöglichen Nutzen aller gerecht verteilt werden. Daher ist verantwortungsvolles medizinisches Handeln immer mit ökonomischem Denken und Handeln verbunden. Entsprechende Mess- und Steuerungselemente sind notwendig, dürfen aber nicht zu Fehlentwicklungen führen.

Der Anspruch, der gesamten Bevölkerung allumfassenden Zugang zu einer Gesundheitsversorgung auf höchstem Niveau zu verschaffen, kollidiert in Deutschland mit der politischen Entscheidung, die Ausgaben zu begrenzen. Die gerechte Verteilung medizinischer Leistungen erfordert eine transparente Priorisierung und Rationierung, die von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Diese Verteilungsdiskussion wird bisher vermieden – um den Preis einer versteckten, unsystematischen und damit letztlich ungerechten Rationierung, die weder dem Wohle der Patientinnen und Patienten noch dem Vertrauen in das Gesundheitssystem dient.

1 nach Tom L. Beauchamp und James F. Childress

Ökonomie und Medizin am Klinikum Augsburg

  • Verpflichtung gegenüber dem Versorgungsauftrag

Das Klinikum Augsburg ist Teil der Daseinsvorsorge in der Region. Sein Zweck ist die Behandlung von Patientinnen und Patienten gemäß deren gesundheitlichen Erfordernissen. Alle Beschäftigten sind dieser Richtschnur grundsätzlich verpflichtet.

  • Prioritäres Ziel: Patientenzentrierung

Die körperliche bzw. seelische Unversehrtheit der Patientinnen und Patienten im Leben und Sterben und die Erfüllung des Versorgungsauftrags haben stets Vorrang vor erlösorientierten Entscheidungen.

  • Gleichbehandlung aller Patienten

Die Patientinnen und Patienten des Klinikums werden in medizinisch relevanten Fragen ungeachtet ihres Geschlechts, der Nationalität, der Religion, des Versichertenstatus u.a. gleich behandelt.

  • Reflexion äußerer Einflüsse

Leitung und Führungskräfte des Klinikums erkennen an, dass dem wirtschaftlichen Druck von außen eine ethische Reflexion von innen entgegenwirken muss und richten ihr Handeln danach aus.

  • Ethisches Denken und Handeln auf allen Ebenen

Ethische Reflektion ist nicht nur eine Führungsaufgabe, sondern Grundlage der Tätigkeit aller Beschäftigten.

  • Vermeidung von Fehlanreizen

Kriterien für variable Entgeltbestandteile werden so gestaltet und fortlaufend dahingehend überprüft, dass ein Einfluss auf Behandlungsindikation und -qualität ausgeschlossen ist.

  • Strukturierter Prozess zur Lösung ethischer Konflikte

Konflikte zwischen ökonomischen und medizinischen Notwendigkeiten sind Realität. Alle Beschäftigten sind aufgerufen, sie offen anzusprechen und einem lösungsorientierten strukturierten Dialog z.B. unter Einbeziehung des Klinischen Ethikkomitees zuzuführen.

  • Leitbild

Als Orientierungshilfe für die Beschäftigten wird die Balance zwischen Ökonomie, Medizin und Ethik in einem Leitbild so dargestellt, dass Prioritäten und Grenzen des Denkens und Handelns klar erkennbar sind.

Der Gesamtvorstand bekennt sich mit einstimmigem Beschluss vom 07.06.2016 bekennt zum Inhalt der Thesen.

Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Medizin und Ökonomie

  • Stefan Brunhuber, Leiter Finanzen und Controlling (bis 30.06.2016)
  • Professor Dr. Dr. Michael C. Frühwald, Chefarzt I. Klinik für Kinder und Jugendliche, Sprecher des Klinischen Ethikkomitees
  • Dr. Florian Gerheuser, OA Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Leiter der AG Medizin und Ökonomie
  • Dr. Renate Linné, Leitung Aufbau Universitätsklinikum Augsburg, Geschäftsführung des Klinischen Ethikkomitees
  • Eva-Maria Nieberle, Pflegekraft Operative Intensivstation
  • Pfarrer Michael Saurler, Leitung Katholische Seelsorge
  • Dr. Konrad Scheglmann, OA der Klinik für Neurologie und Klinischer Neurophysiologie
  • Professor Dr. Kerstin Schlögl-Flierl, Lehrstuhl für Moraltheologie, Katholisch-Theologische Fakultät Universität Augsburg
  • Rechtsanwalt Olaf Walter, Stv. Vorstand Finanzen und Strategie, Leiter Bereich Personalmanagement und Stabsstelle Recht
  • Dr. Hermann Weber, Patientenfürsprecher
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